Aus  der Erzählung „Stramm“

… Sein Vater starb ein paar Jahre nach seiner Frühpensionierung, so wie er lebte still und leise, wie die meisten seiner Arbeitskollegen. Die prägende Sozialisierung während des Nationalsozialismus ist eine mögliche Erklärung, der frühen Formierung dieser einheitlichen Arbeitsmoral dieser Generation des Vaters von Stramm. Denn sein Vater sagte zu Stramm, dass alle Jugendlichen, die er kannte, von der Nazizeit sehr begeistert waren, aber auch sehr geimpft worden sind. Die Jugendlichen von der Kolonie, so hießen damals die Werkswohnungen innerhalb des Stahlbetriebes, wurden zusammengesammelt und in die Lehrwerkstätte gesteckt. Sie alle erlernten einen Beruf. Stramms Vater wurde Walzer. Und er erwähnte auch, dass alle Lehrlinge zur Hitlerjugend kamen. Auch dass seinem gesamten Lehrjahr in der Lehrwerkstätte gesagt wurde, wenn ihr freiwillig in die Wehrmacht geht, wird euch ein Jahr von der Lehrzeit angerechnet. Alle meldeten sich nach den Angaben seines Vaters freiwillig. Nach dem Krieg erfuhr Stramms Vater, dass *die Nazis die Ausbildungszeit in den Lehrwerkstätten einfach von vier ein halb auf drei und später, als sein Vater die Ausbildung zum Blechwalzer machte allgemein noch um zwei bis drei Monat aus politischen beziehungsweise Kriegstechnischen Gründen verkürzten. Seine Freunde, von denen Stramms Vater sprach, waren die Führer der Hitlerjugend. Das waren die, die nach der Nazizeit im Betrieb auch die Gewerkschaft der sozialistischen Fraktion übernahmen. „Die hielten mich im Betrieb, auch als ich schwer lungenkrank vom Krieg zurückkehrte und ich ein Jahr in einem Sanatorium wieder aufgepäppelt wurde“, erzählte sein Vater ihm einmal. „Seine angeblichen Freunde, von denen unser Vater sprach, besuchten ihn in der Lungenanstalt nicht. Sie befürchteten, von ihm angesteckt zu werden. Und unser Vater traute ihnen niemals zu sagen, dass er ein Deserteur war. Die hätten das nie verstanden. Die gehörten nämlich zu jenen, die bis zum Schluss auf der Seite der Nazis kämpften. Einer, der jetzt Betriebsrat ist, schoss sogar nach Kriegsschluss auf die Russen“, erzählt ihm seine Mutter schon vor längerem. Sein Bruder nahm schon sehr früh - als er noch Tischler war - an, dass Vater Angst vor seinen Freunden hatte, sonst nichts. „Einmal auf einer Parteischule, wurde das ihm bestätigt“, erzählte er Stramm als er alleine bei ihm zuhause war, „Aber es wurde ihm auch gesagt, dass es sich bei dieser Angst von unseren Vater allgemein um die Angst der Menschen voreinander; nicht der Menschen schlechthin, sondern der Menschen in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung handelt. Angst um den Arbeitsplatz, um die Familie, ihr Wohlergehen, ihre Zukunft. *Das immer willkürliche Auftreten der ‚Herrschenden‘ durch ihr Ausführenden, die sich dessen nicht bewusst sind: Bestrafung und Lohnentzug werden so durch deine am nächsten stehenden Menschen vollzogen. Diese tiefere Angst sei aber nicht so leicht zu erkennen, da sie nicht bewusst erlebt werde“, meinte sein Bruder weiter, „sie seien einem nicht bewusst, da die ‚innere Kerngestalt‘, die grundlegende Bestimmtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse durch den Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital dem Alltagsbewusstsein nicht ohne weiteres zugänglich und darum mystifiziert wird. Als ich das so von der Parteischule am Stammtisch erzählte hielt einer mir vor, sagte sein Bruder zu Stramm noch, dass es bei der Gewerkschaft ja nur um mehr Butter aufs Brot gehe und nicht um Angst, das sei alles psychischer Scheiß, was sie da dir erzählt haben.“ Trotzdem konnte er an seinem Stammtisch seine Parteischulkenntnisse nicht für sich behalten, obwohl das als „Indoktrinieren“ abgetan wurde. Mein Bruder verbrauchte seinen ganzen Urlaub, anstatt ans Meer zu fahren, auf Partei- und Gewerkschaftsschulen. Nachdem er von diesen Schulen kam, sprach er danach, immer geschwollen daher. Das legte sich aber wieder nach einiger Zeit im Betrieb. Er behauptete an seinem Stammtisch, dass die Gewerkschaft oder die Partei von seinem Vater so wie von vielen nur *rein instrumentell begriffen wurde, und zwar vom Standpunkt der individuellen Nützlichkeit aus. Aber die Führer der Hitler Jugend nahmen damals von der Nazizeit mit, dass das Volk eine große Lebens- und Schicksalsgemeinschaft ist. Sie sahen den Betrieb als eine echte Arbeitsgemeinschaft von Unternehmern und Lohnarbeitern. Alle müssen  bedingungslos zusammenstehen; jede Kritik und jede Opposition wurde deshalb als destruktiv, volksfeindlich und somit kriminell abgetan. Die Volksgemeinschaft wurde ihnen eingebläut. Das war einer ihrer Grundsätze, als die später als Gewerkschaftler der sozialistischen Fraktion bei uns den Betrieb übernahmen, davon war Stramms Bruder überzeugt. Denn vom Arbeitserziehungslager der Nazis nicht weit weg vom Werk - bei Schöneben - wollten die nichts gewusst haben. Und dass die so die Sozialpartnerschaft verstanden, das erzählte sein Bruder jedem an seinem Stammtisch, auch denen, die es nicht hören wollten. …

 

 

Jeder Autor muss die Sprache seiner Gesellschaft übernehmen oder er kann nicht sprechen.

Ein Lesebuch österreichische Arbeiterliteratur ist erschienen, mit Texten von Walter Buchebner, Alfred Hirschenberger, Erich Zwirner, Werner Lang, Michael Scharang u.s.w.