Literaturbeitrag 

 

 

Wie verkaufe ich meine Zeit 

 

 

Brief: An den Stadtrat zur Verzögerung der Zeit. (Augarten-Stadt: knapp oberhalb in mitten von Wien gebildet.) 

 

Motto: Nicht „ist meine Zeit noch halb voll oder halb leer“, ist hier die Frage, sondern „Wem verkaufe ich meine Zeit?“ 

 

Im Arbeitsrecht steht ganz klar: Arbeitnehmer stellen ihre Arbeitskraft dem Arbeitgeber zur Verfügung. Ergo (würde der Lateiner sagen) – da ich Arbeitnehmer bin und die Arbeitskraft an mir hängt wohin ich auch gehe (z.B. in die AugartenStadt  - bestimmt der Arbeitgeber (wer das auch ist?), da ich nichts anderes bin außer Arbeitskraft, mein Leben.  

Nach Hegel heißt das (und Hegel hat ja darüber sehr viel nachgedacht): was der Knecht macht, macht eigentlich der Herr. 

Ich war ja auch ein Bohrwerker. (Das ist ein Arbeiter, der eine Bohrmaschine bedient.) Hätte ich so einfach meine mir entfremdeten Bohrmaschine ausgeschaltet (mit der Erkenntnis, die Bohrmaschine hat sich eine Ruhepause verdient), so hätte das die Kündigung bedeutet. Nicht für die Bohrmaschine natürlich. Ergo: Pausen werden einen so wie mich oder Maschinen vorgeschrieben. Arbeit und Ruhe ist, für einen so wie mich oder Maschinen lebensnotwendig. Leben wird für einen so wie mich, verordnet. Wenn sie, Herr Stadtrat zur Verzögerung der Zeit, noch an die Gewerkschaft als Interessensvertretung, für einen so wie mich glauben, dann glauben sie das alleine. Es geht um den reibungslosen Ablauf einer Maschine, aus der mehr herauskommen soll als man in sie hineinsteckt. 

Was für eine Zeit meinen sie, Herr Stadtrat zur Verzögerung der Zeit, wenn sie von der Zeit sprechen? Wenn ich aus meiner Erfahrung mit der Zeit als Bohrwerker sprechen darf, so besteht die Zeit eines Bohrwerkers noch immer aus der Schnitt- oder Hauptzeit (ergo produktive Zeit) und der Freizeit (ergo unproduktive Zeit). Unter der Schnitt- oder Hauptzeit bei Bohrarbeitern versteht man die Dauer der tatsächlichen Spanabnahme. Die Zeitspanne lässt sich aus den Maßen des Werkstückes, beim Vorschub und der Schnittgeschwindigkeit genau berechnen. Der Bohrwerker hat sich dieser Zeit anzupassen. Hauptnutzzeit ist also Bohrweg mal Anzahl der Bohrungen durch Drehzahl mal Vorschub. Der Bohrwerker hat diese Zeit einzuhalten. Nur die reine Bohrzeit wird für den Bohrwerker als Akkord verrechnet. Bohrernachschleifen fällt in die Akkordzeit und muss durch die dadurch erreichte Erhöhung des Bohrdrucks und der Bohrgeschwindigkeit wieder hereingebracht werden. Ich habe meinen mir entfremdeten Bohrer immer hinterschliffen, obwohl es vom Eigentümer verboten war, aber das hat mir bei der Schnittzeit gegenüber den anderen Bohrwerkern ein paar Sekunden gebracht. Befestigen und Lösen des Werkstücks auf das Bohrwerk fällt in die reine Arbeitszeit. Diese Zeit wird niedriger verrechnet als die Akkordzeit. Der Akkordlohn wird nach Leistung des Maschinentyps plus vorgeschriebene EURONORM (REFA) für den Bohrwerker festgesetzt und auch von der Gewerkschaft als vernünftig anerkannt. Nur so kann jeder einzelne Bohrwerker vom freien Markt bewertet werden (Gewinngarantie). Ich kann sagen, dass ich für die Firma eine gute Bohrzeit herausgeholt habe. Obwohl man mich immer zum Bohrwasserwechseln eingeteilt hat, weil ich der größte Trottel unter den Bohrwerkern war und mich nicht nein zu sagen traute. 

Unter Freizeit versteht man die Instandhaltung des Bohrwerkers. Darunter fällt unter anderem: Ausgleichssport, um die einseitigen Bewegungen, die einem die Bohrmaschine aufzwingt, auszugleichen (sonst fällt das unter frühzeitige Abnützung des Bohrwerkers und wird „selbst schuld“ genannt), plus gesund Essen, Trinken, Schlafen, Fernsehen. 

Neue Bohrwerkarbeiter können auch vom Bohrwerkarbeiter in der Freizeit auf eigenes Risiko produziert werden (Vorsicht, Gefahr der Überproduktion).

Dafür wurden Institutionen gegründet (z.B. Familien, Schulen usw.). Der Bohrwerksbesitzer stellt dann den fertigen Bohrwerker je nach Bedarf ein und lebt von ihm. So denkt jemand in mir, der nicht in mir sein soll, aber etwas anderes habe ich nicht kennen gelernt. Ihr müsst wissen, ich war ja auch Monteur, Kranführer, Betriebsschlosser, Universalschweißer, Werkstoffprüfer. Immer nach dem freien Willen des Arbeitsmarktes. 

Ja, der Markt ist frei, vom Willen der Menschen, kann man sagen. Der Markt treibt den Menschen vor sich her. 

Wenn sie mich zum Beispiel fragen würden, lieber Herr Stadtrat zur Verzögerung der Zeit: „Arbeiter Werner Lang, sind sie für eine Siesta? 

Ich würde antworten: „Ich bin gegen eine Siesta“. 

Alleine schon, um meine Arbeitskraft gegenüber den anderen Arbeitskräften wertvoller erscheinen zu lassen. Das haben ich in einem Arbeitsamtkurs gelernt: Wie verkaufe ich mich am besten? Ich habe 35 Jahre lang in der Industrie gearbeitet und mir ist keiner begegnet, der freiwillig erfolgreich gearbeitet hat, so wie sie das in ihrer Verordnung zu schreiben pflegen, Herr Stadtrat zur Verzögerung der Zeit. Höchstens unermüdlich, wenn unermüdlich arbeiten verlangt wurde. Ich bin DA, um eine bessere Leistung, eine bessere Produktion, eine bessere Produktivität zu bringen als mein Mitarbeiter. Das wird von mir Erwartet. Dafür werden Sonderprämien gezahlt und nicht fürs Feiern. Natürlich werde ich sagen „freiwillig“, ich kenne doch die Gesetze des Marktes, diese setzen Lügen voraus. Obwohl ich auch gehört habe, dass es Siesta-Pausen geben soll, die die Produktivität steigern, bin ich trotzdem dagegen. Ich würde sagen: „Es ist eine Aufweichung der Arbeitsverträge“. Nur um vor meinen Vorgesetzten gut da zu stehen, denn es warten vor dem Fabrikstor genug andere „Arbeitskräfte“. Aber Produktivitätssteigerung ist wichtig und besonders wichtig für die Rüstungsindustrie oder andere Institutionen (Armee), welche Leichen produzieren. Das sichert Arbeitsplätze und erhöht den Wert der Arbeitskraft (Wiederaufbau). Ein Soldat wird ja durch die lange Ausbildung, wegen der hoch entwickelten Tötungsmaschinen, die er beherrschen muss, ein besonders wertvoller Mensch. (Ausgebildet, um Leichen zu produzieren,) Im Kriegsfalle gilt: Je mehr Leichen in Kürzester Zeit, desto wertvoller der Soldat. So kann man den Schützen in der Armee mit dem Stürmer beim Fußball vergleichen. Es gibt auch den Weitschuss. Der bringt beim Militär im Ernstfall mehr als dem besten Fußballer bei der Fußball-EM (man denke an die Hiroshimabombe, wirklich effektiv zur Bekämpfung der Überbevölkerung).

Warum kann ich nur falsch denken? 

Vielleicht, weil die Sprache für mich Vorgaben sind, an die ich mich halten muss? (Gegenüber Vorgesetzten, dem Konstruktionsbüro, Gebrauchsanweisungen, Prüfvorschriften usw.) Und mir nur mehr die leicht durchschaubare List bleibt? (Selbstüberlistung) Aber als Gemeinsames könnte man zusammenfassen: Bohrwerker, Soldat und Fußballer usw. bekommen ein Gehalt, von dem sie leben müssen, denn sie haben nichts anderes, das sie verkaufen könnten um zu überleben, außer sich selbst.  

Und wenn du nicht mithältst, bist du weg vom Fenster. Das habt ihr mir, zwischen den Zeilen beigebracht. Schweißzeit, Bohrzeit, Drehzeit, Montierzeit, Kranschichtzeit, alle diese Zweiten habe ich gelernt zu Berechnen, an die muss ich mich halten. Sie sind für mich vorgegebene Zeiten, das ist meine Lebenszeit. 

Ich bin darin verloren gegangen.

Ich gehöre dem Fabrikbesitzer.

Ich verkaufe mich ihm immer wieder aufs Neue. 

Sonst habe ich nichts zu verkaufen als meinen Kopf, Hände und Körper. 

Was immer auch der Unternehmer davon braucht. 

Was ich meine: Das sind all die Auftragszeiten, Belegzeiten Kalkulationszeiten, die mich in meiner Arbeitszeit bis zur Minute berechnen und die ich als Facharbeiter erfüllen muss. Die kann ich mir nicht anders erklären als: die Zeit, in der ein Auftrag ausgeführt wird, heißt, nach EURONOM (unter REFA), Auftragszeit. 

Nicht der einzelne Arbeiter gibt die Zeit vor, die er für einen Auftrag braucht, sondern der Arbeiter verrechnet die Arbeitszeit für das Unternehmen und der Angestellte vergleicht die Belegzeit mit der Auftragszeit (REFA),  die die Arbeiter selbst mit Hilfe eines Angestellten  für das Unternehmen erstellten und so sich selbst für das Unternehmen kontrollierbar machten. 

Die Auftragszeit wird, in ihren kleinsten Einheiten, von der EURONORM vorgegeben und so wird jeder einzelne Arbeiter in Zeitgewinn oder Zeitverlust für das Unternehmen erfassbar (Rüstzeit, Rüstgrundzeit, Rüsterholungszeit, Rüstverteilzeit, Ausführungszeit, Zeit je nach Einheit, Grundzeit, Erholungszeit, Verteilzeit,  Tätigkeitszeit, Wartezeit, sachliche Verteilzeit, beeinflussbare Tätigkeitszeit, unbeeinflussbare Tätigkeitszeit, usw.). 

Natürlich wird die Zeit von Maschinen, Automaten, Werkstück, Arbeitsablauf usw. bestimmt und so in die ÖNORM – DINORM – EURONORM übernommen (z.B. Abschmelzzeit der Schweißelektrode beim Elektro-Schweißen). Bei REFA geht es darum, den Menschen in den Arbeitsabläufen zu erfassen. Um die Lücken (nicht notwendige Ruhezeiten) zu erschließen. 

(Die Elektrode schmilzt sich noch nicht alleine ab!) 

Seine Arbeitszeit muss der Lohnarbeiter nicht nur für den Unternehmer genauestens ausrechnen, er muss sie auch zur gesellschaftlichen Norm erklären (als Selbstkontrolle). 

Einmal durch die Auftragszeit von REFA (eine Technologie, als Form zur Ausübung von sozialer Kontrolle und Herrschaft), danach als Belegungszeit. Sogar die Ausbeutung jedes einzelnen Arbeiters wird nicht mehr nur vom einzelnen Unternehmer bestimmt, sondern sie wird durch die Kalkulation genormt, und so mit gesellschaftlich. 

Der Lohnarbeiter kann dadurch seine Ausbeutung bei der Kalkulationserklärung selbst für den Unternehmer ausrechnen. Die Ausbeutung ist fester Bestandteil der EURONORM. 

Es heißt dort nicht Ausbeutung sondern „Gewinn in Prozent der Selbstkosten“. Der Gewinn wird in der EURONORM- Kalkulation rein mathematisch „angenommen“. Unter Kosten fallen auch unter anderen, die Fertigungslöhne.

Der Arbeiter wird so zum Kostenfaktor erklärt, der zur Mitarbeit bei der Kostenreduzierung angehalten wird. Das heißt übersetzt: Wie reduziere ich mich als Arbeiter selbst, um konkurrenzfähig zu bleiben? (Nicht nur gegenüber einem anderen Unternehmen sondern gegenüber meinen Mitarbeitern). 

Sicher auch dadurch, dass ich schneller arbeite als mein Mitarbeiter. 

Die NORM wird so zur Wirklichkeit, deren Opfer wir sind. 

Wenn da einer wäre, der mir etwas anderes sagen würde, ich würde ihn nicht mehr verstehen. 

Wenn ich als Arbeiter sage: aus meinen Schweiß sind Eure Feste finanziert, aber das seht ihr nicht mehr. Dann ist es nicht der Neid, der mich das sagen lässt, sondern so denke ich einfach darüber.

 Die Zeit soll ja relativ sein. 

Wenn das so ist, dann bin ich für eine Beschleunigung der Zeit, damit mein Leben so schnell wie möglich vorbei ist. 

Meine mir entfremdete Bohrmaschine haben sie schon verschrottet. Über meinen jetzigen Zustand fragen sie Arzt oder Apotheke. 

Diese jetzige Gesellschafsform, so wie sie ist, liefert den Brandsatz für soziale Katastrophen in der Zukunft.

 

Verbleibe Euer Arbeiter

 

Werner Lang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jeder Autor muss die Sprache seiner Gesellschaft übernehmen oder er kann nicht sprechen.

Ein Lesebuch österreichische Arbeiterliteratur ist erschienen, mit Texten von Walter Buchebner, Alfred Hirschenberger, Erich Zwirner, Werner Lang, Michael Scharang u.s.w.