Aus Erzählung „Stramm“

… Stramm lernte in der Arbeit mit der alltäglichen Angst, alles richtig und jedem recht zu machen, die ihm in der Lehrzeit eingebläut wurde, zu leben. Ähnliches erzählte ihm auch einmal sein Bruder, der sein ganzes Leben als angelernter Hilfsarbeiter an einer Spannmaschine in diesem Werk verbrachte. Bei ihm galt es, die ersten paar Monate als Schnitzbinder durchzustehen, wo jeder glaubte, über die neuen Hilfsarbeiter verbal herfallen zu können. Damals war diese Stahlfabrik noch verstaatlicht. Ein paar Wochen bevor er durch Überarbeitung starb, sagte er ihm, dass für die politische Ruhigstellung der Belegschaft in diesem Betrieb die Verstaatlichte Industrie von der Sozialdemokratie als „Volkseigentum“ verkauft wurde, um begründen zu können, dass *Kampfmaßnahmen gegen das „Volkseigentum“ nur das Volk schädigen könnte, denn dieser Pseudosozialismus, so sagte er, hat sich ja insgesamt fast fünfundzwanzig Jahre für die Privat-Unternehmer bewährt, und von diese Ideologie - der Sozialpartnerschaft - wurden sie sogar zum Leben erweckt. Innerbetrieblich wurde aber eine neofeudalistische Politik betrieben. „Wir, die Arbeiter, so erzählte sein Bruder weiter, sind von diesem Werk abhängig gemacht worden. Schon unser Vater und auch wir zwei wurden, wie die meisten in dieser Fabrik Beschäftigten, durch den Betrieb mit der Methode des nur mit den  innerbetrieblichen Sozialleistungen gerade auskommenden Lohns, einer eigenen Werkswohnung und spezialisiert für den Betrieb in die sozialdemokratische Partei eingebunden. Die behaupten jedes Jahr aufs Neue, das alles für uns in harten Verhandlungen mit dem Vorstand, der Wirtschaft, dem Unternehmer oder sonst wem erkämpft zu haben.“ Sein Bruder fühlte sich den Achtundsechzigern zugehörig und sprach noch in dieser alten Arbeiterkultursprache. Er war Mitglied der sozialistischen Partei und kandidierte bei Betriebsratswahlen für die Fraktion des Gewerkschaftlichen Linksblocks im Betrieb. Er hasste diese Machtmenschen, wie sein Bruder die Betriebsräte nannte, die sich nach dem Oktoberstreik 1950 in die Verstaatlichte Industrie bei der sozialistischen Fraktion eingeschlichen haben, zutiefst. Er war überzeugt, dass einige von ihnen in der *Nazizeit bei der NAPOLA irgendwo in Jugoslawien waren. Am 20. 4. 1944 traten einige dieser Repräsentanten der NSDAP bei. Darunter waren nicht nur frühere Werksschüler sondern auch später Lehrer von der Stahlstadt. Daher konnte er sich dieser Fraktion im Gewerkschaftsbund nicht anschließen. Mit der ersten größeren Wirtschaftskrise für die Stahlindustrie nach dem zweiten Weltkrieg gehörte Stramm zu einem der Ersten, den die sozialistische Fraktion sozusagen ausgestoßen hatte, weil er einmal auf einer Liste als Unterstützer für den Gewerkschaftlichen Linksblock aufschien. Diesen Grund für Stramms Beseitigung aus dem Betrieb erzählte der Betriebsratsobmann Stramms Vater einmal beim gemeinsamen Kegeln in einem Gasthaus so nebenbei. Dass Stramm schon zehn Jahre als Betriebsschlosser plus Lehrzeit in diesem Betrieb beschäftigt war, zählte anscheinend nichts.

Sogar das Wort „Volkseigentum“ zählte unmittelbar nach seinem unberechtigten vorzeitigen Austritt, so wie es der Personalchef vom Stahlwerk nannte, innerhalb der Sozialdemokratie nichts mehr. Es wird gerecht privatisiert, konnte man in den Zeitungen lesen. Stramm musste seinem Bruder im Nachhinein recht geben. …S. 4,5.

 

 

Jeder Autor muss die Sprache seiner Gesellschaft übernehmen oder er kann nicht sprechen.

Ein Lesebuch österreichische Arbeiterliteratur ist erschienen, mit Texten von Walter Buchebner, Alfred Hirschenberger, Erich Zwirner, Werner Lang, Michael Scharang u.s.w.

Da liegt er nun

in der Intensivstation

mit seinen wichtigsten Dokumenten

neben sich

darin liest er seinen Namen

Werksarbeiter

und er weiß

wenn er jetzt seine Augen schließt

ist alles weg für ihn

ausgelöscht für immer

und so stirbt er

wie er gelebt hat

allein

mit seiner ersten und zugleich letzten Erkenntnis:

das "wir" ist die größte Lüge der Menschheit

dann macht er seine Augen zu

und sagt zum ersten mal:

Ich