Aus Erzählung „Stramm“

(Traum)

Der Zug fährt ab. Die Gesichter dringen in sein Abteil ein, nehmen alle Plätze in Besitz, türmen sich auf und sehen durch Stramm hindurch, als wäre er Luft. Jetzt sehen sie alle gleich aus, blendend und steif. Bei genauem Hinsehen bemerkt Stramm an ihnen Spannungsrisse. Er weiß, das sind vom Kopf bis Fuß ausgehende, mit leichtem Schwung auslaufende Längsrisse. Sie zeigen einen glatten Verlauf. Die Rissflächen sind blank. Ein Gesicht bleibt an ihm hängen. Es überreicht Stramm eine weiße Rose und sagt: „Wir werden Flüchtling genannt. Wir leben in Übermaß von Beunruhigung. Es ist für uns eine Zeit, *die uns sehr in Anspruch nimmt, wirft uns in die Natur zurück, verroht uns, auch durch den offen ausgetragenen Wirtschaftskrieg einiger weniger, denen wir ausgeliefert sind, das heißt sie barbarisiert uns. Bedenke das mit Nachsicht. Die soziale Katastrophe, in der wir gemeinsam stecken, ist zur Wirklichkeit geworden, von der noch vor ein paar Jahren gewarnt wurde. Unter diesen Umweltbedingungen, in die wir hineingetrieben werden wie Tiere, können wir nicht Mensch sein. Wir wurden unserer Lebensgrundlagen, Land und Wasser, beraubt.“ Das Gesicht ist weiß oder blau. Die Augen sind groß. Stramm fragt das Gesicht: „Was wollen Sie von mir? Ich weiß ja gar nicht, was das ist „Lebensgrundlage?“ Das Gesicht wird abwechselnd bleich und grün. Unbeweglich antwortet es ihm: „Hier, nimm du unter vielen die letzte weiße Rose mit der Kälte des Nordens an dich. Ein Blatt davon fällt jetzt auf den Boden und zerfällt sogleich. Siehst du den Staub sichtbar werden in deiner reinen Welt der Formen oder ist es schon zu spät für dich? Kurz und schnell stirbt man und lang ist der Tod, bevor man vergeht. Wahr ist, was der Fall verbirgt.“ Stramm nimmt die Rose an sich und sagt: „Wie sprechen Sie mit mir? So ist es nicht. Ich bin soweit lebendig, wie man mich lässt.“ Dabei sieht er sich um und fragt: „Aber wissen Sie, wohin dieser Zug fährt?“ Das Gesicht wird merklich älter. Die Augen werden klein. Es sagt: „Es geht nur über deine Grenze. Ich fahre mit dir. Aber bedenke, ich, „die weiße Rose“, war lebendiger als man mich ließ.“ Stramm fragt: „Wo soll diese Grenze sein? Wo fängt Sie an und wo hört Sie auf?“ Das Gesicht wird hart. Der Mund formt sich zu einer Höhle. Er wird schwarz und tief. Es sagt: *„Du weißt, was Werkzeuge sind. Du verwendetest sie zum Machen von Dingen. An einigen Werkzeugen wurdest du ausgebildet. Mit diesem hast du mit den Jahren gelernt, gut umzugehen. Andere hast du gar nicht in die Hand bekommen, bist also ungeschickt in deren Verwendung. Ein Werkzeug davon ist das Werkzeug, mit denen der Mensch gemacht wird. Es sind die Informationen. Diesen bist du alltäglich ausgesetzt, fügen sich in deinen Kopf zu Urteilen und allmählich zu Überzeugungen. Von den Einsagern gibt es kein Entrinnen mehr. Sie können aber ein  Teil des Mechanismus werden, der deine Handlungen steuert. Deine Angst vor uns ist die Information, die du nicht von uns, sondern über uns bekommst und im Traum zu verarbeiten versuchst. Du kennst uns nicht. Das schränkt dein Denken ein *und was nicht gedacht werden kann, kann auch nicht ausgesprochen werden. Vielleicht bin ich nur du selbst, der sich nur mehr im Traum um diese Informationen über uns, die du täglich erhältst, Gedanken macht, damit du dich nicht verlierst. “ „Von welchem Ich sprechen sie überhaupt?“, erwidert darauf Stramm. „Sie können ja auch nur Information von irgendwem sein, oder?“ „Von dem Teil deines Ichs von dir, der sich nach außen anpasst oder dem Teil, der sich dadurch von dir in deinem Inneren verliert? Du kannst es dir aussuchen“, erwidert das Gesicht, „Schweige nicht länger, sei das böse Gewissen. Informiere einfach die Menschen von deinem Leben, das genügt, da kann keiner daran vorbei und lasse keinen in Ruhe damit. Du weißt, die Mitglieder der „Weissen Rose“ hatten keine Machtposition, aber sie nutzten die *Kraft der Gesittung und die Macht des Wortes, um für Freiheit und Menschenwürde zu werben.“ „Du musst wissen Stramm, *es geht den Menschen viel Richtiges durch den Kopf, das sich schnell wieder verliert, du musst deine innere Stimme zulassen, einiges wird Zustimmung bekommen. Aber wenn es so ist, dass du deine  innere Stimme von außen niemals hörst, wirst du verstummen“, antwortet es. „Das kenne ich schon. Ich darf solche Bücher nicht mehr lesen. Diese Moral geht auf die Nerven“, lenkt Stramm ab. „Und sagen sie nicht Du zu mir. Ich kenne sie ja gar nicht, wie sie selber sagen. Lassen sie diese kumpelhafte Ansprache. Ich kenne das schon zur Genüge. Jeder, der mich vor den anderen blöd aussehen lassen will, sagt du zu mir. Unter Arbeitern gibt es keine Freundschaft.  Und mein Leben steht nirgends geschrieben. Dafür fehlen die Worte. Einzig in dem Buch *„Maschinenelemente, Baugruppen und ihre Montage“, das ich einmal in der Berufsschule lesen musste, habe ich mich wiedergefunden. Aber darin komme ich nur als man vor.“ S. 5,6,7.

 

 

Jeder Autor muss die Sprache seiner Gesellschaft übernehmen oder er kann nicht sprechen.

Ein Lesebuch österreichische Arbeiterliteratur ist erschienen, mit Texten von Walter Buchebner, Alfred Hirschenberger, Erich Zwirner, Werner Lang, Michael Scharang u.s.w.