Aus Erzählung "Stramm"

Obwohl er nach der Montage im Ausland glaubte, dass er eine nicht gut bezahlte, aber langfristige Arbeit in der Teigwarenfabrik gefunden hat, fand er aber dort besonders gedemütigte Arbeiter vor, die sich gegenseitig das Leben schwer machten. Sie wussten oder ahnten auch, dass es hier nicht mehr lange gut geht mit der Arbeit, dass für sie schon wieder in nächster Zeit eine Entlassung durch Konkurs oder Verkauf der Firma, wie schon von den früheren Betrieben, aus denen sie hier her kamen, bevorstand. Alles im Betrieb war veraltet. Die Maschinen, Gebäude und die Beschäftigten darin. Erst nach einiger Zeit, als Stramm schon fünf Jahre in dieser Teigwarenfabrik arbeitete, erzählten ihm seine Arbeitskollegen, dass sie von Firmen kamen, die in Konkurs gegangen sind, und nichts mehr anderes fanden als diese abgehalfterte Fabrik. Später, als Stramm schon längst von dieser Firma gekündigt wurde, erfuhr er aus der Presse, dass die Eigentümer dieses Unternehmen einen Großkonzern verkauften, und sie mit dem Geld an der Börse zu spekulieren begannen und so viel schneller und sicherer Gewinne machten als mit Teigwaren. Davor  gründeten sie auch sehr erfolgreich, schrieb später noch die Presse, eine Bank, was mit den Arbeitern geschah, schrieb keiner.

In dieser Teigwarenfabrik kam Stramm durch ein Inserat in einer Tageszeitung. Er wusste vorher über sie nichts. Er fand darin auch eine Wohnungsanzeige, wo die Adresse der zu mietende Wohnung gleich in der Nähe der Teigwarenfabrik war. *„Die Firma ‚Rapo Hausverwaltung GesmbH‘ versprach Stramm die Vermittlung dieser Mietwohnung. Dafür musste er eine Vermittlungsprovision von 12. 000.-Schilling und ein ‚Angeld für Objekt Hauptmieten‘ von 60. 000 Schilling zusätzlich bezahlen. Die Schlüssel zu dieser Wohnung und den Mietvertrag sollte er am nächsten Tag erhalten. Am nächsten Tag ging Stramm in die Geschäftsräumlichkeiten der Rapo, wo er am vorigen Tag die Zahlungen getätigt hatte. Aber er traf dort niemanden an. Er ging danach in die Geschäftsräume des Unternehmens, die auf der Einzahlungsbestätigung, die er bekommen hatte, angeführt war. Er fragte nach den Mietvertrag und den Wohnungsschlüssel. Er bekam aber nur eine Telefonnummer von Herrn Umnig, den er am Vortag das Geld ausgehändigt hatte. Umnig war jedoch nicht erreichbar. Stramm bekam weder Wohnungsschlüssel noch Mietvertrag. Es wurde ihm aber später die Rückerstattung seines Geldes in Form von Barschecks von Umnig versprochen. Die Zusage wurde nicht eingehalten“, konnte Stramm zehn Jahre später das alles in Unterlagen, die ihm sein Rechtsanwalt und das Gericht zugeschickt hatten, nachlesen. *Eine Woche nach der Vermittlung war die Firma Rapo in Konkurs. Und gegen Umnig wurde von 26. Februar bis 22. März ein umfangreiches Strafverfahren abgehalten. Das Geld war über das Gericht nicht mehr einbringbar, da vorher die Banken auf das Geld von der Firma Rapo zugriff bekamen. Umnig bemerkte wahrscheinlich, als Stramm zu ihm kam, dass Stramm noch nie etwas mit einer privaten Wohnungsvermittlung zu tun hatte. Er erschien ihm als leichte Beute. Der Rechtsanwalt wurde ihm von einem Betriebsrat empfohlen und organisiert, weil er für Stramm selbst nicht erreichbar war. Der schrieb Stramm, *dass Umnig davor schon viermal vorbestraft und zur Zeit des Strafprozesses für vier Kinder sorgepflichtig war. Und dass er jetzt von der Notstandshilfe lebt und darüber hinaus gehen ihnen Gläubiger mit enormen Forderungen vor, schreibt mir das Landesgericht für Strafsachen. Auf Grund dieser unerfreulichen Umstände werde ich keine weiteren Schritte setzen, weil sie als nicht zielführend betrachtet werden müßten.

Fakt ist, die Wohnung hat Stramm nicht bekommen und ein Teil von seinem Montagegeld war damit weg. Er fand in den ersten Monaten eine Unterkunft in einem katholischen Arbeiterheim. Dort nahm sich Else Nelke um ihn an. Sie wohnte zufällig auch in diesem Wohnheim im Frauentrakt. Sie trafen sich öfters beim Abendessen im Speiseraum des Wohnheimes. „Sie flüchtete vom Dorf in die Großstadt“, erzählte sie Stramm. Stramm schien ihr weltfremd. Als sie ihm erzählte, dass sie sich die Großstadt anders vorgestellt hat, erzählte Stramm ihr, dass er sich die Großstadt gar nicht vorgestellt hat. Sie beschaffte mit dem restlichen Montagegeld von Stramm eine Mietwohnung, in der sie gemeinsam einzogen. Stramm wurde zum ersten Mal von einem Menschen sanft berührt. Das ersparte Montagegeld von ihm war weg.

 

 

Jeder Autor muss die Sprache seiner Gesellschaft übernehmen oder er kann nicht sprechen.

Ein Lesebuch österreichische Arbeiterliteratur ist erschienen, mit Texten von Walter Buchebner, Alfred Hirschenberger, Erich Zwirner, Werner Lang, Michael Scharang u.s.w.