Aus Erzählung "Stramm"

Tagtraum

Stramm wacht in einem ihm unbekannten Raum auf. Sein Wecker läutet. Er sieht sein Gesicht nicht mehr. Seine Beine schmerzen. Er wundert sich über seinen merkwürdigen Traum, und denkt sich: Kann es wirklich zutreffen, dass ich, um meine Existenz zu sichern, zum Arbeiten gezwungen werde, und daher nur geldverdienender Automat für mein Freizeitleben bin, weil ich mein ganzes *Arbeitsvermögen als Mittel einsetzen muss und daher als Objekt fremder Zweckbestimmung existiere und darum als lebendiges Subjekt verloren gehe?, wie es ein Kursleiter in der Gewerkschaftsschule hochtrabend formulierte. Der, als er mit uns Arbeitern sprach, merkwürdigerweise nicht „ihr Arbeiter“ sondern „die Arbeiter“ sagte. Dabei versucht er sich zu orientieren. Sein Blick schiebt alles vor sich her. Sein Bett steht verdreht. Er steht auf und sieht sich um. Die Wohnung ist alt und halb eingerichtet. Die Zimmer, die Türen, die Gänge sind falsch angeordnet. Eine Rose liegt zerdrückt neben dem Bett. Seine linke Hand schmerzt. Er spricht mit sich selber: „Es ist eben alles so. Was hat mich mein Leben schon interessiert. Ob ich scheiße, oder spreche, es interessiert sich so und so kein Mensch dafür - und wenn -, dann nur so weit, um herauszubekommen, warum es so begrenzt ist.“ Alles in der Wohnung scheint sich langsam auf die richtigen Plätze zu schieben. Er denkt nicht mehr. Dunkel und grau ist es in der Wohnung. Draußen ist es noch finster. Er merkt es nicht, findet aber fast automatisch etwas zum Anziehen. Er schaut in den Kühlschrank – der Kühlschrank ist leer –, geht auf das Klo und verlässt dann die Wohnung. Auf dem Weg zur U – Bahn ist auf einer Plakatwand, mit übergroßen Buchstaben geschrieben, zu lesen: Sogar mein Ich, mein einzig mir verbliebener Ort, ist mir fremd geworden. Stramm liest das und fragt sich: „Was für ein ich?“ Dass es ein Werbespruch von einer Bestattungsfirma ist, bekommt er nicht mit. Danach verschwindet Stramm in den Gedanken. Räume tauchen darin auf, in die er nicht eintreten kann. Menschen, die er nicht erreichen kann. Er hört etwas wie: „Der Aufstieg verläuft unruhig.“ Von wo anders her hört er: „Die Sprache passt nicht zu den Bildern. Besser würde es heißen, die Stiege ist nicht begehbar“ und denkt sich: Was man sich so alles anhören muss. Auf einmal reißt ihn etwas aus den Gedanken. „Südtirolerplatz, umsteigen“, hört er von oben auf sich eindringen. Er sieht auf. An der Wand steht mit roten Buchstaben geschrieben: Das falsche Verhalten bei Brand ist, sich in die Flammen zu stellen. Darunter ist auf einer Tafel vermerkt: Die Türen öffnen sich selbsttätig. Er liest es und denkt sich: Alles Geschriebene ist lächerlich.

Auch die Welt in den Zeitungen ist für Stramm um diese Zeit noch nicht fassbar. Die Überschrift von einer Tageszeitung, die in der U-Bahn neben ihm liegt, dass die Kühlkammern vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, mehr Gewinne machen, wenn sie in brennenden Häuser stehen, versteht er nicht. Die Schlagzeilen mit ihren übergroßen Buchstaben springen Ihm in den Kopf als ein Konglomerat von „Tatsachen“, welche wahrscheinlich unterbezahlte Journalisten an den Tag bringen müssen. Dieses *Durcheinander von Schlagzeilen, Nachrichten, Reportagen, des Augenblicks hat nichts Wesentliches für ihn auszusagen und ergibt auch für ihn keinen Sinn. Im Hintergrund zwischen den Zeilen aber fühlt Stramm herauszulesen, dass sich ein Grauen ankündigt. Sie halten unsichtbar die Phrasen in den Zeitungen zusammen. Dabei denkt er sich: Was ich so alles denken kann, das hätte ich nie gedacht von mir. Oder hat mich das, als ich es irgendwo las, angesprochen?

 

Stramm ist in einer U-Bahn. Alles um ihn ist auf einmal klar. Er fühlt die Kälte der U-Bahn-Stationen. Die Wände sind voll von elektrischen Schaukästen mit unüberschaubarer Werbung. Gratiszeitungen verlegen den Sitzplatz. Nichts war je so deutlich in seinem Leben wie dieser Augenblick. Alles Geträumte und Gedachte ist wie weggeblasen. Er hat keine Angst mehr. Er fühlt sich fest in sich. Stramm lebt, soweit man ihn lässt.

Jeder Autor muss die Sprache seiner Gesellschaft übernehmen oder er kann nicht sprechen.

Ein Lesebuch österreichische Arbeiterliteratur ist erschienen, mit Texten von Walter Buchebner, Alfred Hirschenberger, Erich Zwirner, Werner Lang, Michael Scharang u.s.w.